Alles lecker - oder was? Von der Werbung und Kühen, die Resi heißen
Die meisten kennen das: Werbung gucken und dann zum Kühlschrank rennen, weil einem bei all diesen leckeren, gesunden und naturbelassenen Sachen das Wasser im Mund zusammenläuft.
Dann sieht man die sympathische Bauersfamilie, deren glückliche Kühe Resi heißen oder Gudrun, und die werden mit der Hand gemolken. Schon aus Dankbarkeit geben sie immer mehr Milch. Mopsfidele Hühner gackern um die Wette und lassen appetitliche Frühstückseier ins Nestchen plumpsen. Und die kleinen Ferkel suhlen sich quietschvergnügt im Schlamm - Metzger? Was'n das? Aber dann kommt die Tagesschau ...
Von der bösen Tagesschau und Kühen, die Nummer 133 heißen
Und da erzählt dann ein ernst guckender Mensch, dass Lebensmittelchemiker neben Vitaminen und Nährstoffen noch ganz andere Sachen in unserem täglichen Essen finden: Rattengift und Insektenvernichtungsmittel in der Milch, Medikamente im Braten, Chlorgift in Eiern und Hühnerfleisch, den Erreger des Rinderwahnsinns (BSE) im Steak. Wie das da wohl reinkommt?
Die erste Kuh, bei der im Jahre 1984 in England der Rinderwahnsinn BSE festgestellt wurde, hieß weder Resi noch Gudrun, auch nicht Maggy oder Polly, sondern Nummer 133. Damit sind wir dem Problem auf der Spur.
Vom Vegetarier zum Fleischfresser: Verrückte Kühe
Auch wenn man immer noch Kühe auf den Wiesen sieht: Sie sind eher eine Ausnahme. Der Großteil der Tiere steht sommers wie winters im Stall - versorgt mit Mahlzeiten immer gleichbleibender Qualität, die für gleichbleibende hohe Milchmengen und schnelles Wachstum sorgen: eine Silage aus Mais oder Gras, angereichert mit täglich acht Kilogramm Kraftfutter aus Getreideschrot oder Soja - sehr häufig genmanipulierter Soja. Den vielen Milchmaschinen einen Namen zu geben wäre der blanke Luxus. Kann sich ja sowieso keiner merken.
Bis 1997 war es erlaubt, Tiermehl ins Futter zu mischen. Tiermehl wird aus den Resten toter Tiere hergestellt. Ob diese Tiere gesund oder krank waren, spielte dabei keine Rolle. So wurde das ursprünglich vegetarische Rind im Laufe der Zeit zum Fleischfresser gemacht. Viele Rinder mussten getötet werden, weil sie mit BSE infiziert waren. Auch Menschen erkrankten. Da ist vielen erstmal der Appetit auf Rindfleisch vergangen.
Gestresste Schweine und zerrupfte Hühner: Vom Leben in der Masse
Dem geselligen Familientier Schwein geht es in den gigantischen Fabrikställen nicht viel anders. Suhlen? Fehlanzeige. Wühlen? Geht schlecht auf Spaltböden. Aber auch in dieser grausigen Umgebung, zusammengepfercht mit unzähligen anderen Tieren, hat sich der sensible Dickmops seinen Instinkt für Gefahr bewahrt: Wenn es auf den Transporter zum Schlachter gehen soll, reagiert das Schwein panisch. Und ein panisches Schwein erliegt schnell einem Herzinfarkt. Um das zu vermeiden bekommt das Schwein starke Medikamente, die es ruhig stellen. Und so kommen Spuren der Herzmedikamente auch in den Sonntagsbraten.
Und wie kommt das Chlorgift Dioxin ins Spiegelei? Nun - da hat ein Futtermittelhersteller Altöl ins Hühnerfutter gemischt - das ist schön billig und die zerrupften Batteriehühnchen haben ohnehin keine Chance, besonders wählerisch zu sein.
Mehr Tiere, mehr Medikamente, billiger produzieren: Vom Zwang der Bauern aufzurüsten
Nicht jeder Skandal kommt ans Licht. Aber jeder Skandal, der aufgedeckt wird, rückt die Bauern in ein ziemlich mieses Licht. Dabei sind die meisten von ihnen gar nicht die wahren Schuldigen. Um zu überleben und im Konkurrenzkampf mitzuhalten, sind sie gezwungen aufzurüsten: Mehr Tiere, mehr Medikamente, mehr Maschinen. Billig einkaufen. Billig produzieren. Gülle raus auf die Felder. Kunstdünger einsetzen. Ackergifte sprühen - Erträge steigern und (vielleicht) überleben.
Von großen Konzernen, goldenen Nasen und von der Kunst sich nicht erwischen zu lassen
Den Druck üben die großen Nahrungsmittelkonzerne und Handelsketten aus. Denn sie bestimmen die Preise, die der Bauer für Milch, Feldfrüchte, Fleisch usw. bekommt. Das Rüstzeug für die billige Produktion liefert die Futtermittel- Pharma- Saatgut- und Agrarindustrie. Und die verdient sich mit all ihren Ackergiften, Düngern, Spezialzüchtungen, Medikamenten, Mischungen und Mittelchen eine lange goldne Nase.
Denn erlaubt ist alles, was nicht ausdrücklich verboten ist. Aber auch Verbote sind für so manchen kein Hindernis. Man darf sich halt nicht erwischen lassen. Der Bauer ist in dieser Reihe nur das Schlusslicht. Aber er muss den ganzen Schlamassel ausbaden.
Vom Bauern als Rohstofflieferanten der Industrie
Die Nahrungsmittelindustrie verlangt von ihren Lieferanten Rohstoffe in ausreichender Menge und gleichbleibender Qualität. Tütenmilch oder Schweineschnitzel müssen immer und überall gleich schmecken - in anderen Industriezweigen funktioniert das ja auch. Autos einer bestimmten Serie sehen ja auch immer gleich aus. Dazu müssen europäische Bauern in der Lage sein. Extra bezahlt für diese Leistung werden sie nicht. Im Gegenteil: Die Preise werden ständig gedrückt. So bekommt die Landwirtschaft den Charakter eines industriellen Produktionsprozesses. Trotzdem: ein Bauer ist kein Autobauer. Aber er muss versuchen, nach ähnlichen Methoden zu produzieren ...
Es geht nicht ums Essen. Es geht ums Verkaufen: Vom Schwein als Maschine
Betrachten Sie das Schwein nicht mehr wie ein Tier. Behandeln Sie es wie eine Maschine in der Fabrik. Programmieren Sie die Phasen seiner Aufzucht, wie Sie die Schmierintervalle der Maschine planen würden. Der Zeitpunkt der Geburt der Ferkel ist wie der erste Montageschritt an einem Fließband. Und die Vermarktung ist wie die Übergabe des Fertigprodukts.
Diese Sätze aus einer Empfehlung zur rationellen Schweinezucht zeigen schlaglichtartig, um was es geht in der modernen Landwirtschaft: Nahrungsmittel werden in erster Linie produziert, um verkauft zu werden. Der Verkauf muss einen Gewinn abwerfen. Dass sie gegessen werden, spielt dabei nur eine Nebenrolle.
Warum wohl gibt es sonst in der Europäischen Gemeinschaft Milchseen, Fleisch-, Gemüse-, Obst- und Butterberge, während gleichzeitig vor allem auf der südlichen Erdhalbkugel 840 Millionen Menschen hungern und jeden Tag 25.000 an den Folgen der Unterernährung sterben? Sie sind schlicht und einfach zu arm und können die Nahrungsmittelüberschüsse aus Europa nicht bezahlen.
Hauptsache, die Chemie stimmt: Vom Pflanzenanbau in der industriellen Landwirtschaft
Früh wurde in Deutschland sehr viel mehr Roggen als Weizen angebaut. Denn Weizen ist anspruchsvoller und gedeiht nur auf fruchtbaren Böden. Da aber die Nahrungsmittelindustrie verstärkt Weizen nachfragte, boten Chemieunternehmen Bodenverbesserer, zum Beispiel Kunstdünger an. Jetzt wuchs der Weizen auch auf schlechten Böden.
Schädlinge und Wildpflanzen mochten das aber auch. Also lieferte die chemische Industrie passende Pflanzengifte und Insektenvertilger gleich mit. Die Inhaltsstoffe der Kunstdünger sind allerdings leicht löslich und gelangen deshalb über den Boden in das Grundwasser.
Vierzig Prozent der Belastung des Trinkwassers mit Düngemitteln (Nitrate und Phosphate) gehen auf das Konto der Landwirtschaft. Auch die Ackergifte gelangen ins Wasser und in die Nahrungsmittel. Und seit geraumer Zeit arbeiten die großen Agrarkonzerne, die sowohl Saatgut als auch Ackerchemie herstellen, daran, gentechnisch veränderte Pflanzen auch in Europa durchzusetzen. (Wer mehr darüber wissen möchte, knöpft sich die Hintergrundtexte zum Thema Gentechnik vor.)
Wenn das Geld Junge kriegt, aber Früchte unfruchtbar werden: Vom Saatgutgeschäft
Auch die Saatgutfirmen wollten mitverdienen. Sie boten den Bauern immer neue Züchtungen an, die höhere Erträge versprachen. Heute kann auf einem Hektar drei- bis vielmal so viel Weizen geerntet werden wie vor 50 Jahren. Die Pflanzen wurden aber nicht nur ertragreicher sondern auch anfälliger für Krankheiten und Schadstoffe. Dafür ist dann wieder die chemische Industrie mit ihren Mitteln zuständig.
Zurzeit konzentrieren sich die Saatgutfirmen auf Sorten, die zwar höhere Erträge versprechen, aber nicht wieder ausgesät werden können: so genannte Hybridsorten. Die Bauern müssen jedes Jahr neues Saatgut kaufen, ein einträgliches Geschäft. Mit Hochdruck arbeiten die Firmen an einer neuen, gentechnisch veränderten Variante. Diese Pflanzen produzieren kurz vor der Ernte ein zusätzliches Eiweiß, das die Pflanzen unfruchtbar macht. Das nennt man Terminatortechnik.
Vom Computer betreut: Nutztiere in der industriellen Landwirtschaft
Seit die Futtermittelindustrie fertige Futtermischungen mit Kraftfutter und Wachstumsförderern anbietet, muss ein Bauer sein Futter nicht mehr selbst anbauen. Soja für Kraftfutter wird häufig aus den armen Ländern eingeführt und ist deshalb sehr billig. Denn die Menschen dort bekommen kaum Geld für ihre Arbeit.
Die Futtermischungen aus der Industrie sind aber nicht nur billiger sondern auch wirkungsvoller. Früher brauchten Mastschweine ein Jahr bis zur Schlachtreife. Heute schafft das ein Mastbetrieb mit Hilfe von Spezialkraftfutter und Wachstumshilfen durchschnittlich in knapp viereinhalb Monaten.
Auch braucht es größtenteils keine Weiden mehr, aber der Bauer muss sich mit Computern auskennen: Moderne, computergesteuerte Stallsysteme für die industriegerechte Haltung regeln alles: von den klimatischen Bedingungen im Stall, über Fütterung und Reinigung bis hin zur Gabe von Kraftfutter und Medikamenten.
Verhätschelt wurden Nutztiere auf dem Bauernhof früher auch nicht. Aber ein artgerechteres Leben hatten sie auf jeden Fall.
Hauptsache, die Preise stimmen: Von Wind, Wetter, Aldi und Co
Trotz Chemieeinsatz und Kraftfutter: Pflanzen und Tiere brauchen immer noch Zeit zum Wachsen, Kühe geben erst Milch wenn sie gekalbt haben. Vorher kann ein Bauer nicht verkaufen und hat also auch kein Einkommen. Aber er muss Geld investieren in Maschinen, Computer, Futter, Saatgut usw. Versaut ihm eine Horde gefräßiger Kartoffelkäfer die Ernte, hat der Bauer ein ernsthaftes Problem.
Aber auch wenn der Sommer prächtig war und kein Kartoffelkäfer in Sicht, verdient ein Bauer nicht automatisch mehr. Denn dann war der Sommer auch für alle anderen prächtig. Und das heißt, dass die Preise wegen des Überangebotes fallen. Es hängt also nicht nur von Wind und Wetter ab, ob er seine Kosten wieder herausholt und etwas zum Leben übrig bleibt. Sondern in erster Linie von Aldi, Müllermilch & Co. Über den viertgrößten Molkereibetrieb in Deutschland, Müller-Milch, war im Mai 2003 im Manager-Magazin zu lesen: Im vergangenen Jahr protestierten 2000 wütende Milchbauern gegen den Milchbaron (Theo Müller), weil der ihnen im Handstreich die Preise um zehn Prozent gekürzt hatte.
Leider nicht wirtschaftlich: Der Wunsch nach giftfreiem Essen
Je härter der Druck der Lebensmittelindustrie auf den Bauern lastet, desto bessere Geschäfte machen Saatgutproduzenten, Chemiegiganten und Pharmaindustrie mit ihm: Der wirtschaftliche Zwang sorgt dann dafür, dass er nach Mittel aller Art greift, die ihm helfen, seine Produktion zu steigern. Das Ergebnis ist Raubbau an der Natur. Und damit wären wir wieder am Anfang unserer Geschichte: Wie und warum kommt das Gift ins Essen? Aber damit kommen wir auch gleich zur nächsten Frage: Was machen die Politiker? Warum lassen die das zu?
...einfach weiterlesen in Teil 2 und staunen, was für merkwürdige Naturerscheinungen es gibt: Butterberge, Kuhmilchseen ...
Autor/in: Harald Mörking, Helga Bachmann