Chemie

Chemie ist, wenn es knallt und stinkt …

… oder etwa doch nicht? Chemie ist zunächst einmal nur die Wissenschaft, die sich mit den Stoffen beschäftigt, die uns umgeben – wie sie sich zusammensetzen und damit, wie sie miteinander reagieren.

Was aber die Chemische Industrie mit diesen Erkenntnissen macht, steht auf einem ganz anderen Blatt …

Was Chemie und Chemieindustrie mit Sport und Doping zu tun haben

Die einen denken beim Wort Chemie zuerst an elend komplizierte Formeln, die einem den Notenschnitt versauen können. Oder an Forscher, die mit Glaskolben hantieren, aus denen es raucht oder zischt oder blubbert. Andere haben sofort Bilder von Giftwolken vor Augen, Schlagzeilen über Chemieunfälle oder über Umweltgifte, die Boden, Wasser und Luft verpesten. Das kann man schönfärberisch als Nebenwirkungen der Chemischen Industrie bezeichnen. Die haben mit der Chemie an sich so viel zu tun, wie Doping mit Sport. Es kommt nämlich immer darauf an, welche Zwecke jemand verfolgt.

Vereinfacht ausgedrückt könnte man es so beschreiben: Verfolgt ein Sprinter das Ziel, mit einer Medaille nicht nur Ruhm zu ergattern, sondern auch einen millionenschweren Werbevertrag, dann passiert es schon mal, dass da etwas nachgeholfen wird: Freiwillig würde wohl kein Mensch Rindermasthilfen schlucken, um ein paar Zehntelsekunden schneller zu werden …

Ähnlich verhält es sich bei der chemischen Industrie: Es geht ums Geld. Um viel Geld. Deswegen hext sie in ihren Giftküchen nicht nur nützliche Dinge zusammen, sondern jede Menge Stoffe, die ziemlich gefährlich werden können – Hauptsache, man kann damit Profite machen. Die meisten dieser Stoffe zischen und krachen nicht. Vielmehr schleichen sie sich ins Leben. Aber fangen wir einfach von vorne an …

Das angezündete Streichholz: Chemie – ganz alltäglich

Das Streichholz verbrennt zu Kohle, es riecht und es wird hell und heiß. In der Natur laufen dauernd unzählbar viele unterschiedliche chemische Prozesse ab. Jeder Körper, egal ob der eines Menschen, eines Tieres oder einer Pflanze ist ein kleines Chemiewerk. Chemie ist also etwas ganz Normales und Alltägliches: Stoffe reagieren mit anderen Stoffen, verschwinden dabei und bilden neue Stoffe.

Damit beschäftigt sich die chemische Wissenschaft: Woraus setzen sich die Stoffe unserer Umwelt zusammen und wie reagieren sie mit anderen Stoffen? Welche Stoffe kann man nachbauen, welche neu entwickeln?

Von blauen Wundern und Luft, die nicht nichts ist: Chemie in früheren Zeiten

Vor ungefähr 230 Jahren machte der englische Naturforscher J. B. Priestley einen Versuch, in dem er nachwies, dass die Luft aus unterschiedlichen Gasen besteht (Atmosphäre). Geahnt hatte er das wohl schon längere Zeit, denn dass Luft nicht nichts ist, merkt jeder irgendwann einmal – spätestens dann, wenn er von einer Windböe umgehauen wird. Oder wenn das Kupferkesselchen Grünspan ansetzt und wie durch Geisterhand die Farbe ändert – oder Stahl ohne Zutun zu Rost zerbröselt.

Schon vor Jahrhunderten wurden chemische Reaktionen genutzt, auch wenn man nicht wusste, warum da überhaupt etwas passierte. Nehmen wir als Beispiel die asiatische Pflanze Indigo. Mit ihr lassen sich Textilien blau färben. Das sieht man aber nicht auf den ersten Blick. Durch Zufall müssen die Leute vor langer Zeit herausgefunden haben, dass da geheimnisvolle Kräfte am Wirken sind …

Wenn man nämlich die Zweige dieser Pflanze in Wasser einlegt und winzige Pflanzenfasern aus dem Holz ausschwemmt, erhält man eine farblose Flüssigkeit. Die gärt dann eine Zeit lang vor sich hin, dann wird hineingepinkelt (ja, richtig gelesen) und sie wird etwas trüber. In diese Brühe stopft man die Kleidungsstücke, farblich tut sich aber nach wie vor nichts. Wenn aber die Textilien herausgefischt werden und auf der Wäscheleine trocknen, passiert es: Durch den Kontakt mit der Luft entwickelt sich ein tiefes Blau.

Ein Wunder? Nein. Ein chemischer Prozess. Und dass da neugierige Menschen auf die Idee kommen, es doch etwas genauer wissen zu wollen, muss einen nicht verwundern. Solche Entdeckungen waren die Voraussetzungen dafür, dass sich die Chemie als Wissenschaft entwickelte. Dass dann allerdings andere Menschen auf die Idee kommen, mit diesen Erkenntnissen Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen, ist auch kein Wunder. Das waren die Voraussetzungen dafür, dass sich die chemische Industrie entwickelte.

Die Chemieindustrie: Am Anfang war die Farbe

Heutzutage ist es nicht mehr nötig, in einen seltsamen Pflanzensud zu pinkeln, um die Jeans blau zu färben. Längst haben die Chemiker herausgefunden, wie man Farbe im Labor künstlich und billig herstellen kann. Die Erkenntnis, dass und wie das geht, liegt schon viele Jahre zurück. Vor circa 150 Jahren brauchte nämlich die aufstrebende Stahlindustrie massenhaft Koks für ihre Hochöfen. Koks wird aus Steinkohle gewonnen und bei diesem Prozess bleibt giftiger, übelriechender Steinkohlenteer als Abfallprodukt übrig.

Das war die Stunde der Chemiker: Sie konnten daraus das Anilin gewinnen. Anilin wurde zum Ausgangsmaterial für alle möglichen Farben. Und das war der Beginn der chemischen Industrie. Es war auch der Beginn des größten Chemiekonzerns der Welt: BASF. BASF heißt: Badische Anilin- und Sodafabriken. Es blieb natürlich nicht bei den Farben.

… und dann kam alles andere: Produkte die das Leben leichter machen. Oder schwerer.

Mittlerweile mischt die Chemieindustrie überall mit: Kunststoffe sind aus dem Leben kaum wegzudenken, Kunstdünger lässt Getreide schneller wachsen, Böden werden chemisch aufgepeppt, Lebensmittel mit künstlichen Zusätzen versetzt, und die Pharmaindustrie versorgt die Welt mit mehr oder weniger sinnvollen Medikamenten.

Es gibt dabei viele wichtige und gute Errungenschaften, die im Zuge der wissenschaftlichen Neugier und der Sehnsucht nach einem besseren Leben entwickelt wurden: Produkte, die das Leben leichter machen, Medikamente, die Kranken helfen usw.

In den Forschungslabors der chemischen Industrie geht es aber nicht nur um das Wohl der Menschheit, obwohl das immer wieder gerne behauptet wird. Chemische Kampfstoffe beispielsweise dienen kriegerischen Zwecken – wo ist denn da das Wohl der Menschheit? Zu Zeiten des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) verstieg sich der berühmte deutsche Chemiker, Nobelpreisträger und Kriegsverbrecher Fritz Haber zu der Aussage, Giftgas sei eine humane Waffe, weil die Menschen dabei nicht zerfetzt werden. Human heißt so viel wie menschenwürdig.

Er hatte lange herumexperimentiert, bis seine Gase die Menschen auch richtig mausetot machten. Denn anfangs hatte er das Problem, dass sich die Giftgase bei falschem Wetter verflüchtigten. Und Krieg gibt es eben auch bei Windstärke zehn … Die damalige Chemieindustrie witterte angesichts seiner Erfindungen ein Mordsgeschäft – im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Einsatz von Giftgas ist zwar heutzutage verboten. Aber allein in den USA und Russland lagern über 70.000 Tonnen chemische Waffen. Doch auch bei allen anderen Produkten der chemischen Industrie geht es in erster Linie darum, dass sie sich verkaufen und damit Geld gemacht werden kann. Da werden Nebenwirkungen in Kauf genommen. Und die haben es meistens in sich.

Von geschlossenen Systemen, akuter Gefahr und von der Feuerwehr

Akute Gefahr für Leib und Leben bestand für die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt – so lautet der übliche Satz in den Presseerklärungen der Chemiefabriken, wenn es wieder einmal einen Zwischenfall gegeben hat – und beispielsweise Giftstoffe ausgetreten sind, die als Wolke aufsteigen. Oder auf der Autobahn ein Laster mit hoch gefährlicher Fracht umgekippt ist. Dann kommt die Feuerwehr mit Lalülala und dann die Zeitung und dann die Zeitungsmeldung. Und dann ist alles wieder in Ordnung. Fragt sich nur, wohin sich das Gift verdünnisiert hast. Denn soviel ist klar: Es geht nichts verloren – die Erde ist ein in sich geschlossenes System – und jeder Stoff geht irgendwo hin.

Auf Druck von Umweltschützern und aufgrund politischer Auflagen haben viele europäische Chemie­firmen Filteranlagen und Sicherheitssysteme eingeführt, so dass nur noch ein Viertel der gesamten Giftbelastungen aus den Schornsteinen und Abwasserrohren der Industrie stammt. Die chemische Industrie hat also aus den Skandalen gelernt und das heißt: bloß nicht in die Schlagzeilen kommen.

Mehr aber auch nicht. Denn es geht nicht nur um skandalöse „Zwischenfälle“. Mangelhafte Technik oder schwere Unfälle wie beispielsweise im italienischen Seveso oder im indischen Bhopal Unfälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Denn viele Produkte der chemischen Industrie sind gefährlich für die Gesundheit, aber trotzdem erlaubt.