Meere & Wale

Geheimnisvolle Meere

Wer auf einen Globus guckt, sieht es sofort: Die Erdkugel ist größtenteils blau. Gerade mal ein Drittel hebt sich als sichtbare Landmasse aus dem Wasser heraus. Was auf dieser Landmasse passiert, wissen wir ziemlich genau. Wir wissen sogar, was auf dem Mond los ist oder auf weit entfernten Planeten. Derzeit stiefelt beispielsweise ein Roboter über den Mars – und der ist immerhin 228 Millionen Kilometer von uns weg. Wenn es aber nur ein paar Kilometer in die umgekehrte Richtung geht – nämlich in die Tiefe, die zudem noch von Wasser bedeckt ist – stochern wir buchstäblich im Dunkeln.

Welche Schätze sich in den Meeren verbergen, welche Geheimnisse in den Gebirgen, Schluchten und Ebenen der Tiefen lauern – davon haben wir noch ziemlich wenig Ahnung.

Aber eines wissen wir sicher: Gehen Plünderung und Zerstörung dieses gigantischen Lebensraumes im gleichen Tempo weiter, dann werden wir es auch niemals erfahren. Da ist es doch höchst beruhigend zu wissen, dass es unzählige Menschen gibt, die sich für den Schutz der Meere einsetzen …

Rätselhafte Fische: Per Golfstrom-Express in den Suppentopf

Auch schon vor 300 Jahren wollten die Menschen gerne wissen, was sie da eigentlich essen. Das Tier war lang und glatt und fett und es konnte schwimmen. Außerdem schmeckte es lecker … Aber noch nie hatte auch nur ein Mensch in Europa einen Baby-Aal gesehen. Die Exemplare, die im Suppentopf landeten, waren meist ziemliche Brocken – und so konnten sie schließlich nicht auf die Welt gekommen sein.

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass sich die wildesten Theorien um die Herkunft des seltsamen Flussbewohners entwickelten: Er entsteht aus den Schweifhaaren der Pferde, vermuteten die einen. Aale haben Käfer als Eltern war die andere Theorie. Denn schließlich hatte man auch schon welche über Feldwege kriechen sehen…

Aale sind tatsächlich rätselhafte Fische und viele Umstände ihres Lebens sind auch bis heute nicht wirklich geklärt. Aber eines weiß man mit Sicherheit: Sie sind Fische. Und sie entwickeln sich wie die meisten Fische vom Ei über die Larve bis zum fertigen Fisch. Aal-Eier findet man aber nicht in Flüssen, Bächen oder flachen Küstengewässern, wo man Aale gemeinhin fängt, sondern im Meer – an einem ganz bestimmten Ort im Atlantischen Ozean, dem Sargassomeer. Und zwar nur dort.

Das konnten die Menschen damals tatsächlich nicht einmal ahnen. Aber mittlerweile hat man herausgefunden, dass alle europäischen Aale zum Laichen ins Sargassomeer zurückkehren. Dort legen sie ihre Eier ab und sterben. Die Larven aber, die wie durchsichtige Blättchen aussehen, treiben mit dem Golfstrom nach Europa zurück.

Kurz vor ihrer Ankunft verwandeln sie sich in durchsichtige Glasaale. In Europa angelangt, wandern sie die Flüsse hinauf, fressen sich fett und wenn sie nicht im Suppentopf landen, dann treten sie nach einigen Jahren wieder die Reise zum Sargassomeer an, um dort zu laichen.

Da sie jetzt richtig schnell schwimmen können, schaffen sie die etwa 6500 Kilometer durch den Atlantik in vier bis sieben Monaten. Dort beginnt der Kreislauf von neuem: Per Golfstrom reisen die Fischlarven nach Europa – per Instinkt kehren die Fische zurück zur Kinderstube nach Sargasso. Und so weiter…

Meeresströmungen: Fließbandarbeit rund um den Globus

Meeresströmungen transportieren aber nicht nur rätselhafte Fischlarven durch die Ozeane zu den Flussmündungen. Sie dienen als Eilzüge für Jungfische, Schildkröten und andere wandernde Tiere, zum Beispiel Wale. Sie transportieren Nährstoffe, Sauerstoff und Planktonteppiche, die aus winzig kleinen Pflanzen und Tieren bestehen.

In den verschiedenen Stockwerken der Ozeane funktionieren die Strömungen wie riesige Fließbänder, die kalte und warme Wassermassen über die Erdkugel schieben. Der Golfstrom zum Beispiel wird durch die karibische Sonne aufgewärmt und strömt nach Norden bis zur Arktis.

Auf der Höhe von Grönland wird das extrem salzreiche Wasser durch eisig kalte Winde stark abgekühlt. Kaltes Wasser mit hohem Salzgehalt ist aber sehr schwer, also sinkt es nach unten: Im Winter sind das ungefähr 17 Millionen Kubikmeter, die da in jeder Sekunde in die Tiefe rauschen.

Keine Vorstellung wieviel das ist? Stell dir einfach vor, dass ein Drittel der Weltbevölkerung, das sind ungefähr zwei Milliarden Menschen, gleichzeitig die Klospülung ziehen würde – und das jede Sekunde …

In zwei bis drei Kilometer Tiefe reist das Wasser dann in mehreren Jahrhunderten um die Welt. In bestimmten Regionen mit ganz speziellen Windverhältnissen, so genannten Auftriebsgebieten steigt es wieder nach oben.

Das Tiefenwasser ist extrem nährstoffreich und das plötzliche Licht sorgt für einen gigantischen Schub beim Wachstum des pflanzlichen und tierischen Planktons. Dieses gedeckte Tischlein lockt natürlich Unmassen Fische an und dadurch gehören Auftriebsgebiete zu den fischreichsten Gebieten überhaupt. Die bieten auch Seevögeln, Walen und Robben das reinste Schlaraffenland.

Meere, Klimaanlagen für die Kontinente

Für die Kontinente sind die verschiedenen Meeresströmungen richtige Klimaanlagen: Hamburg zum Beispiel liegt auf demselben Breitengrad wie Labrador in Kanada. Während es in Hamburg ziemlich mild ist, steigen die Temperaturen in Labrador selbst im Sommer selten über zehn Grad Celsius.

Warum das so ist? Ganz Westeuropa wird durch die Zentralheizung Golfstrom mit einem gemäßigten Klima versorgt: das Golfstromwasser erwärmt die Luft über dem Meer und die Winde blasen diese Luft weit in den Kontinent hinein.

An der Ostküste Kanadas hingegen zieht der kalte Labradorstrom vorbei. Da bläst ein buchstäblich anderer Wind. Und genauso wie in diesen beiden Beispielen verhält es sich mit den vielen anderen kalten und warmen Meeresströmungen. Die Meere können eben beides: heizen und kühlen. Sie haben eine zentrale Bedeutung fürs Klima auf der Erde.

Was Meere noch können: Prima Klima erhalten

Es gibt aber noch eine weitere Besonderheit, die für das weltweite Klima wichtig ist: Meere können nämlich das Treibhausgas Kohlendioxid, kurz CO2 genannt, in großen Mengen speichern. Mittlerweile ist ja bekannt, dass zu viele Treibhausgase in der Atmosphäre dazu führen, dass sich der Treibhauseffekt verstärkt und die Erde Fieber bekommt.

Und wie funktioniert diese Speicherung? Zwischen den Meeren und der Atmosphäre findet ein ständiger Austausch von Gasen statt. Kohlendioxid zum Beispiel kommt nicht nur in der Luft sondern auch in gelöster Form im Meer vor. Das nutzen mikroskopisch kleine Meeresalgen (Phytoplankton), um daraus mit Hilfe des Sonnenlichtes zu wachsen und sich zu vermehren. Sie entziehen dem Meerwasser also Kohlendioxid und machen daraus Sauerstoff, den alle Menschen und Tiere zum Atmen brauchen (Photosynthese).

Für eine weitere Verklappung des Treibhausgases sorgen die oben beschriebenen kalten Strömungen. Denn: je kälter das Wasser, desto mehr CO2 kann es aufnehmen und lösen. Und: je kälter das Wasser, desto schwerer wird es.

Eine besondere Bedeutung kommt deshalb den polaren Meeren zu, da hier das Oberflächenwasser absinkt und das gelöste CO2 mit in die Tiefe nimmt. Damit ist das Klimagas erst einmal von der Bildfläche verschwunden und der Atmosphäre für die nächsten paar hundert Jahre entzogen – bis es irgendwann in den Auftriebsgebieten wieder nach oben steigt. Aber da warten dann schon die Algen, die das zum Wachsen nutzen, und um daraus Sauerstoff zu machen: Deshalb werden die Phytoplanktonteppiche auch Wälder der Meere genannt, denn die Wälder können das auch.

Damit das alles so gut zusammen funktioniert, ist es natürlich wichtig, dass sich da nichts verschiebt. Denn wenn die Erde durch zu viele Treibhausgase aufgeheizt wird, erwärmen sich auch die Meere. Überhitzte Meere neigen aber nicht nur dazu, die Wärme über oft verheerende Stürme abzutransportieren. Ihr Speichervermögen für das Klimagas CO2 ist auch wesentlich geringer.

Lebensraum Meer

Die Ozeane der Welt sind Windmacher, Klimamacher, die größten Wasserreservoirs der Erde und sie sind gigantische Kohlendioxidspeicher. Außerdem haben sie einen Job als Regenmacher. Der Regen an Land entsteht nämlich zum großen Teil über dem Meer: Die Ozeane arbeiten als Wasserverdunster mit eingebauter Entsalzungsanlage – oder schmeckt Regen etwa salzig?

Vor allem aber sind die Ozeane neben den Wäldern die artenreichsten Lebensräume der Erde. Auf der ganzen Welt sind heute 1,75 Millionen Tier- und Pflanzenarten bekannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es mindestens 15 Millionen Arten gibt – es können aber auch noch sehr viel mehr sein. Von den meisten Lebewesen auf der Erde haben wir also noch keinen blassen Schimmer.

So viel ist aber klar: Ein riesiger Teil der unbekannten Arten lebt im Meer. Wissenschaftler fanden beim Tauchen vor Neuengland/USA 798 Arten auf einer Fläche, die nicht größer war als zwei Parkplätze. Selbst an der tiefsten Stelle des Meeres (11 Kilometer), dem Marianengraben in der Nähe der Philippinen, gibt es noch viele verschiedene Lebewesen.

Der Quastenflosser, die quicklebendige Versteinerung

Manche Fischarten, beispielsweise der Quastenflosser, existieren bereits seit 400 Millionen Jahren. Vom Quastenflosser dachte man, dass er mit den Dinosauriern ausgestorben sein müsse. Es gab schließlich nur Versteinerungen als Zeugen seiner Existenz. Seit aber im Jahr 1938 ein Fischer vor der afrikanischen Küste ein mopsfideles Exemplar gefangen hat, weiß man es besser.

Wie viele dieser lebenden Fossilien es noch gibt, ist aber unklar. Sie mussten jedenfalls schleunigst unter Schutz gestellt werden, da die eigentümliche Vorliebe mancher Jäger, ausgestopfte Trophäen ins Regal zu stellen, dem Urzeitfisch beinahe ein urplötzliches Ende bereitet hätte …

Aber nähern wir uns den rätselhaften Ozeanen einfach mal vom Ufer aus und tauchen dann in die Tiefen hinab. Spannend und überraschend ist es ab dem ersten Zentimeter …

Leben in den Küstenbereichen: Von Seepferdchen, zuschnappenden Sandwolken und rasenden Schildkröten

Küstenbereiche sind die Kinderstube zahlreicher Meeresbewohner. Hier gibt es – je nachdem, ob es sich um warme oder kühlere Meere, steile oder flache Strände handelt – unterschiedlichste Versteckmöglichkeiten: Pflanzen, weicher Sand, Felsspalten, Seegraswiesen, Tang, Algen und Mangrovenwälder. Die bieten den Jungtieren Schutz, bis sie groß genug sind und ins offene Meer abdüsen können.

Es gibt aber auch Jungtiere, deren Devise gleich nach dem Schlüpfen Nix wie weg! heißt – zum Beispiel die Babys der Echten Karettschildkröte. Diese Meeresschildkröte verbuddelt ihre Eier am Sandstrand. Dort brütet die gute Sonne die kleinen Krötchen aus.

Nach dem Schlüpfen ist allerdings Hektik angesagt: Schnellstens müssen die Winzlinge zum offenen Meer rennen und dort paddeln, was das Zeug hält. Denn sowohl an Land als auch im Wasser warten allerhand rennende, fliegende und schwimmende Tiere auf die Leckerei mit Schale und weichem Kern …

Manche Tierarten sind aber richtige Spezialisten für diese Randzonen der Meere und bewegen sich selten weit weg. Seekühe zum Beispiel – das sind Säugetiere, die ein bisschen wie zu groß geratene Robben aussehen, in Wirklichkeit aber mit den Elefanten verwandt sind – kommen immer nur kurz zum Atmen an die Wasseroberfläche. Sie weiden den ganzen Tag in Seegraswiesen und Algenwäldern unter Wasser. Manche von ihnen leben sogar in Flüssen, zum Beispiel im Amazonas.

Lichtdurchflutetes, pflanzenreiches Flachwasser bietet auch den Seepferdchen ideale Bedingungen. Seepferdchen sind zwar Fische, aber keine besonders guten Schwimmer. Verstecke sind also lebensnotwendig. Doch selbst angesichts eines Fressfeindes müssen sie nicht unbedingt gleich abhauen. Denn mache Arten können blitzschnell die Farbe wechseln. Und wer will schon einen vermeintlichen Tangfetzen fressen, wenn er sich gerade auf eine Fischmahlzeit eingestellt hat.

Es gibt aber noch viele andere Fischarten, die sich auf die Bedingungen an den Küsten spezialisiert haben. Plattfische zum Beispiel können die Farbe wechseln und sind dann von ihrer Umgebung kaum zu unterscheiden. Oder sie graben sich in den Sand ein und warten gemütlich darauf, dass irgend ein leckeres Tier vorbeischwimmt oder krabbelt. Das hat normalerweise keine Chance, wenn sich plötzlich eine gewaltige glotzäugige Sandwolke auftürmt und nach ihm schnappt …

Leben in den Korallenriffen: Von Blumentieren, die sich einmauern und vom Clownfisch Nemo, der vielleicht doch noch ein Mädchen wird

Tropische Korallenriffe sehen aus wie zerklüftete, bunt besiedelte Felsformationen im Wasser. Bei näherer Betrachtung erweist sich der Fels aber als sehr lebendig – und er kann wachsen… Die Bauherren der Korallenriffe sind Kolonien von Tieren, so genannten Nesseltierchen. Das sind winzig kleine Polypen, die am Mund Tentakel haben, mit denen sie ihre Beute, das Plankton, fangen. Zu ihrem eigen Schutz umgeben sie sich oft mit einer kalkhaltigen Hülle. Denn sie sitzen am Boden fest und können nicht flüchten, wenn andere Meerestiere den Leckerschmeckerblick auf sie werfen.

Die Kalkhülle können sie aber nicht alleine bauen. Deshalb leben sie in enger Gemeinschaft mit mikroskopisch kleinen Algen. Die Algen, die meist innerhalb der Nesseltierchen leben, sind als grüne Pflanzen in der Lage, das Licht zu nutzen (Photosynthese) und die Korallentiere mit Gasen und anderen Lebensbausteinen zu versorgen. Dabei entziehen sie dem Wasser Kohlendioxid und lösen damit bestimmte chemische Reaktionen aus, die es den Polypen ermöglichen, ihr Kalkmäntelchen zu stricken.

Im Gegenzug liefern die Korallentiere – auch Blumentiere genannt – den Algen wichtige Nährstoffe. Wenn das Korallentierchen stirbt, bleibt das Kalkgerüst übrig. Darauf siedeln neue Blumentiere gemeinsam mit ihren grünen Mitbewohnern, den Algen, und so wächst der Felsen aus lebendigen und toten Korallen immer weiter. So farbenfroh und frisch ein Korallenstock auch aussieht: er kann schon Jahrtausende alt sein!

Muscheln, Schwämme, und Seeanemonen, die auf den Korallen hocken, werden von Hummern, Seesternen und Krabben als Leckereien geschätzt. Drücker- und Schnapperfische hingegen knacken gerne Seesterne, sie selbst werden von Kraken verfolgt. Und die Kraken sind immer wieder auf der Flucht vor Muränen, Delfinen, Walen – jedenfalls treiben sich unzählige Tierarten im Riff herum und am Schluss findet auch noch der Riffhai sein Auskommen.

Apropos Seeanemonen: Die sehen zwar aus wie harmlose Unterwasserpflanzen, sind aber in Wirklichkeit recht hinterlistige Gesellen. Meist sitzen sie fest, einige können aber auch durch die Gegend kriechen und nach Beute Ausschau halten. Wer an ihnen vorbeikommt, sollte gebührenden Abstand halten, denn die Tentakel (Fangarme) der Tiere sondern einen giftigen Nesselschleim ab. Nur wenige Fische schaffen es, sich an das Gift zu gewöhnen.

Einer von ihnen ist der Clownfisch – in der Zwischenzeit wohl besser bekannt als Nemo. Er nutzt die Seeanemone als Mietwohnung. Als Mietzahlung hält der Clownfisch andere Fresser – so gut es geht – von ihr fern und putzt ihre Fangärmchen. Die Seeanemone wiederum verteidigt den Mitbewohner zwar nicht direkt – wenn aber ein Raubfisch meint, ungestraft in einer Seeanemone nach Clownfischen herumzustochern zu können, hat er sich getäuscht. Die Gifte aus den Tentakeln sind nämlich ziemlich fies.

Übrigens: Selbst wenn die Geschwisterchen des Film-Clownfisches Nemo nicht alle von einer Muräne weggeschlürft worden wären, hätte er trotzdem keine einzige Schwester gehabt. Denn zu Beginn ihres Lebens sind alle Clownfische männlich. Als erwachsene Fische wechseln dann einige von ihnen das Geschlecht. Dann gibt es wieder Weibchen. Und die bringen wieder Männchen zur Welt, die dann … und so weiter. Schon seltsam, was in den Meeren so alles möglich ist.

Korallenriffe – ganz alt und neuerdings bedroht

Korallenriffe gehören zu den artenreichsten und ältesten Ökosystemen der Erde – leider auch zu den bedrohtesten.

Wissenschafter warnen davor, dass Korallenriffe in den nächsten 40 Jahren völlig aussterben könnten. Das hat unterschiedliche Gründe – auch natürliche Ursachen können die Riffe schädigen – aber in den meisten Fällen sind die Menschen verantwortlich. Klimawandel, Meeresverschmutzung, Überfischung und brutale Fischereimethoden zerreißen das Lebensnetz in diesen empfindlichen Ökosystemen.

Bei der Dynamitfischerei zum Beispiel werden die Riffe regelrecht ausgebombt. Das ist für die Fischer eine billige, zeitsparende Fangmethode: Sprengstoff ins Wasser werfen – bumm! – tote Fische abschöpfen – fertig. Dynamitfischerei ist zwar verboten, trotzdem wird sie immer noch häufig praktiziert.

Aber auch erlaubte Fangmethoden zerstören die Riffe. Früher mussten die Fischfangflotten bestimmte Gebiete umschiffen, weil sonst ihre Netze von Korallen und Felsen zerrissen worden wären. Doch mit neuartigen Fanggeräten – Straßenfeger und Felsenhüpfer genannt – können auch Korallenriffe und küstennahe Felsgebiete befischt werden. Viele werden dadurch unwiederbringlich zerstört.

Außerdem tragen Verbauung der Küsten und Tourismus zur Zerstörung bei. Das Wasser wird zunehmend verschmutzt, Schiffsanker reißen riesige Stücke aus den Riffen und Taucher brechen die Blumentiere als Souvenirs aus dem Kalk. Die können sich nicht wehren. Also müssen das andere für sie übernehmen – Höchste Zeit, auch Korallenriffe dauerhaft unter Schutz zu stellen!

Tiefseeberge – kaum erforscht, aber schon bedroht

Man sieht sie nicht, denn sie befinden sich unter der Meeresoberfläche. Aber es sind gewaltige Berge mit oft über 1000 Meter Höhe: die Tiefseeberge, auch Seamounts genannt. Noch sind sie kaum erforscht, aber man weiß mittlerweile immerhin so viel, dass es sich hier um einzigartige Ökosysteme handelt, die viele seltene und oft noch völlig unbekannte, unentdeckte Arten beherbergen – auch solche, die man in diesen Tiefen nicht vermutet hätte.

Erst in jüngster Zeit wurden in der Tiefsee ausgedehnte Kaltwasser-Korallenriffe entdeckt. Es gibt sie sogar bei uns in der Nähe, zum Beispiel an den Küsten Norwegens und Islands. Anders als ihre tropischen Verwandten benötigen diese Korallen kein Licht. Sie ernähren sich von Kleinorganismen, die sie aus dem Umgebungswasser fangen.

Kaltwasserkorallen wachsen extrem langsam – können aber binnen Minuten durch so rabiate Fischereimethoden wie Grundschleppnetze verwüstet und völlig zerstört werden.

Von Nahrungsketten und der Frage, wer wen verknuspert

Die meisten Meereslebewesen wohnen in den oberen Stockwerken der Ozeane, denn hier ist das Nahrungsangebot am größten. Und auch hier gilt: Größere Tiere haben kleinere Tiere zum Fressen gern. Den Anfang der Nahrungskette macht das Plankton. Das sind winzigste Pflanzen und Tiere, die in großen Mengen im Meer umhertreiben. Daher kommt ihr Name: Plankton ist ein griechisches Wort, das so viel wie umhertreiben bedeutet.

Das pflanzliche Plankton (Phytoplankton) bildet die Grundlage von allem anderen Leben im Meer. Die Pflanzen nutzen die Sonnenenergie für ihr Wachstum und erzeugen dabei Sauerstoff. Besonders gut gedeihen sie, wenn es viel Licht und viele Nährstoffe gibt.

Aufgefressen wird das Pflanzenplankton von Rädertierchen, kleinen Krebsen, Quallen, Fisch- und Wurmlarven und vielen anderen kleinen Tieren, die in den Strömungen treiben – sie bilden das tierische Plankton (Zooplankton). Auch Krill, das sind etwas größere Krebschen, die in gigantischen Schwärmen leben, zählt zum Zooplankton.

Und – wer hätte es nicht schon geahnt – auch das Zooplankton wird verknuspert. Es ist die Nahrungsgrundlage unzähliger Fische und anderer Meeresbewohner.

Sogar viele Großwale fressen ausschließlich Winzlingsfutter, natürlich in rauen Mengen. Krill ist ein norwegisches Wort und bedeutet Walnahrung. Das hält aber Pinguine, Robben und Seevögel nicht davon ab, Krill äußerst lecker zu finden und große Mengen davon zu verdrücken. Auf die Wale kommen wir später zu sprechen, bleiben wir zunächst bei den Fischen – und zwar beim größten der Großen.

Von Haien und davon, warum sie besser sind als ihr Ruf

Er ist 15 Meter lang, hat ein zwei Meter breites Maul und sieht aus wie ein Wal. Er ist aber keiner. Er ist ein waschechter Fisch und zwar der größte von allen: der Walhai. Wie alle Haie hat er eine rauhe Haut, mit der man Parmesankäse raspeln könnte. Wie alle Haie pflanzt er sich nur sehr langsam fort.

Und wie alle Haie hat er eine Menge spitzer Zähne. Aber auch Zoologen wissen nicht so genau, was er damit macht. Denn der Walhai ist ein friedlicher Geselle, der trotz seiner Riesenklappe nur winziges Plankton und kleine Fische schlürft.

Die meisten Haiarten sind ziemlich harmlos, auch wenn diese Fische als Killer schlechthin gehandelt werden. Haie sind die Gesundheitspolizei des Meeres, sie fressen kranke Fische, Vögel und Robben, manche von ihnen – wie beispielsweise der Ammenhai – säubern als lebende Staubsauger den Meeresboden. Aber wie alle Haie hat auch der Walhai ein großes Problem: Viele Menschen sehen ihn lieber zerkleinert in der Suppe schwimmen als in voller Größe im Meer.

Das hängt nicht nur mit Essgewohnheiten zusammen, sondern auch mit dem weltweit verbreiteten Horrorbild vom gnadenlosen, blutrünstigen Mörderfisch. Dabei sind Haiangriffe ziemlich selten. Wesentlich mehr Menschen kommen jährlich durch Bienenstiche zu Tode – trotzdem käme kein Mensch auf die Idee, deshalb die Bienenvölker abzuschlachten.

So tragisch jeder Haiunfall auch ist – er rechtfertigt in keiner Weise den Umgang der Menschen mit diesen Meeresbewohnern: Jährlich sterben zwischen fünf und zehn Menschen an Haibissen. Jährlich werden bis zu 100 Millionen Haie von Menschen getötet. Ein großer Teil landet unbeabsichtigt in riesigen Fischernetzen oder an kilometerlangen, mit Tausenden Haken besetzten Langleinen – und wird als überflüssiger Beifang tot oder schwer verletzt wieder über Bord gekippt.

Haie sterben für ein Foto, das den angeblich besonders mutigen Sportfischer mit seiner Trophäe zeigt, sie sterben für Kosmetikprodukte und Ledertaschen. Sie werden gefangen und verstümmelt wieder ins Meer zurückgeworfen – für Haifischflossensuppe braucht man ja nur die Flossen! Die Frage, wer für wen gefährlicher ist – der Hai für den Menschen oder der Mensch für den Hai – ist wirklich nicht schwer zu beantworten: Haie sollten sich vor den zweibeinigen Monstern doch sehr in Acht nehmen!

Wie Himmel und Meer: Die trickreiche Tarnung der Schwarmfische

In großen Schwärmen durchziehen Heringe, Makrelen, Sardellen und andere Schwarmfische die Meere. Der Schwarm bietet den einzelnen Tieren Schutz, außerdem haben die meisten eine perfekte Tarnung: Der Rücken ist blaugrau und der Bauch ist weiß.

Fressfeinde – also zum Beispiel Tunfische, Schwertfische oder Delfine – können die Fische aus der Entfernung nicht ohne weiteres erkennen: Nähern sie sich von unten, wirken die weißen Bäuche wie eine geschlossene Fläche. Das könnte auch der Himmel sein. Umgekehrt ist es genau so: Von oben sind die blaugrauen Rücken kaum vom umgebenden Wasser zu unterscheiden.

Natürlich funktioniert dieser Trick nicht immer. Sonst müssten die meisten größeren Meeresbewohner dauernd Kohldampf schieben, denn die Schwarmfische sind fest in ihren Speiseplan eingebaut.

Das Leben in der Gemeinschaft: Von faulen und von todesmutigen Fischen

Es gibt aber auch kleine Fische, die es gar nicht nötig haben, sich zu tarnen oder zu verstecken. Schiffshalterfische zum Beispiel haben einen Saugnapf am Kopf und docken so an Schildkröten oder Haie an, um sie als Taxi durchs Meer zu nutzen.

Den Haien gehen sie damit ziemlich auf die Nerven. Denn sie sitzen nicht still an einem Platz sondern plöppen dauernd wieder ab, um sich irgendwo anders festzusaugen – Bauch oder eher Hals? Hmmmm … vielleicht doch lieber ganz hinten? Manchmal geraten sie sogar an die Kiemen. Und da wird auch der friedfertigste Hai fuchsteufelswild. Aber die kleinen Faulpelze sind nur schwer wieder loszukriegen. Und so schlau, dass sie nicht direkt am Maul hocken, sind sie allemal.

Manche Gemeinschaften zwischen kleinen und großen Fischen sind jedoch für beide von Nutzen. Beispielsweise leiden die meisten größeren Meeresbewohner unter Hautparasiten. Und so wie unsereins bei Ausschlag zum Hautarzt geht, schwimmen die Fische – selbst Haie – zu den Putzstationen und warten dort brav in der Schlange, bis sie dran sind. Putzerfische mampfen ihnen lästige Parasiten von der Haut ab, manche wagen sich sogar ins Maul eines Raubfisches, um ihm dort als lebende Zahnbürste die Zahnzwischenräume zu säubern.

Gegenseitige Nutzgemeinschaften unterschiedlicher Arten – egal ob im Meer oder an Land – nennt man Symbiosen. Es gibt unzählige davon. In unserem Fall sieht die symbiotische Beziehung also so aus: Der große Fisch verzichtet darauf, den kleinen zu fressen und dafür juckt es ihn nicht mehr. Der kleine Putzerfisch hat als Gegenleistung für seine Dienste regelmäßige Mahlzeiten.

Was tun in der stockdunklen Tiefsee? Selber leuchten …

Je tiefer man ins Meer hinabtaucht desto dunkler und lebensfeindlicher wird es. Während es in den oberen Stockwerken noch ziemlich bunt zugeht – hier leben Fische, Korallen, Krebse, Algen und Meeressäugetiere – gibt es weiter unten kaum noch Sonnenlicht, so dass Pflanzen hier nicht mehr gedeihen und das Nahrungsangebot äußerst spärlich wird.

Ab 1000 Metern Tiefe ist es dann stockduster. Außerdem wächst der Wasserdruck mit jedem Meter. Trotzdem haben sich eine ganze Reihe von Lebewesen mit raffinierten Strategien an diesen eher unwirtlichen Lebensraum angepasst. Ihrer Schönheit bekommt das allerdings nicht immer…

Der Tiefsee-Anglerfisch zum Beispiel, der in einer Tiefe zwischen 1000 und 4000 Metern lebt, sieht mit seinem Riesenmaul voller Dolche wie ein schwimmender Alptraum aus. Auch der Zipfel, der an seiner Nase baumelt, macht ihn nicht gerade hübscher. Aber all das gehört zum Konzept des Überlebens: 1.) muss man im Dunkeln nicht schön sein, sieht ja eh keiner. 2.) geraten in ein stets geöffnetes Riesenmaul mehr Opfer hinein, als in eine Minischnauze. 3.) ist der Zipfel in Wirklichkeit eine Angel …

Das besondere an der Angel: Sie leuchtet! Der Anglerfisch hält sich nämlich Bakterien als Haustiere, die Licht erzeugen können. Das Lichtlein macht andere Tiere neugierig und noch bevor sie den dunkel getarnten Gierschlund überhaupt gesehen haben, hat er sie schon verfrühstückt.

Pottwale sind die größten Meeresbewohner aus den oberen Wasserzonen, die sich ziemlich weit hinunter trauen. Es heißt, dass sie bis zu 3000 Meter tief tauchen, um dort die Riesentintenfische aufzustöbern. Beilfische, Schlinger, Tiefseeaale, Seegurken und Fische, die auf ihren Flossen wie auf Stelzen herumstöckeln, wohnen ebenfalls in den dunklen Zonen.

Weiter unten in den bodenlosen Tiefen werden die Tiere aber immer kleiner. Doch selbst 11.0000 Meter unter dem Wasserspiegel gibt es noch Leben: Borstenwürmer, Tiefseekrebse und Schlangensterne ernähren sich von dem, was von oben herunterrieselt oder auch mal herunterplumpst: Wenn ein großer Fisch oder ein Wal stirbt, sinken die toten Körper durch den zunehmenden Wasserdruck immer schneller und rauschen dann mit Karacho zum Meeresboden – und dann ist da unten großes Fest-Buffet angesagt …