Tierschutz

Lebewesen. Haustier. Arbeitstier. Nutztier. Armes Tier.

Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Menschen und Tieren war zwar im Laufe der Jahrtausende nicht von Harmonie geprägt, aber noch nie ist es Abermillionen von Tieren, die im Umfeld des Menschen leben, so dreckig gegangen wie in der heutigen Zeit. Und noch nie ist es Abermillionen von Haus- und Streicheltieren so gut gegangen. Wie passt das zusammen?

In Deutschland leben mehr als 23 Millionen Hunde, Katzen, Hamster, Meerschweinchen, Rennmäuse, Vögel und sogar Reptilien mit Menschen zusammen unter einem Dach. Zierfische sind da noch nicht mal mitgezählt! Sie alle sind heißgeliebte Mitbewohner, für die auch eine ganze Stange Geld ausgegeben wird: Im Jahr 2004 waren das knapp drei Milliarden Euro. Tierliebe ist also sehr verbreitet. Fast alle Menschen, die man danach fragt, sagen, dass sie Tiere sehr gerne haben.

Vom gesetzlichen Tierschutz und von den Widersprüchlichkeiten der Tierliebe

Der Staat hat Tiere unter seinen besonderen Schutz gestellt. Das Tierschutzgesetz regelt, was erlaubt und was nicht erlaubt ist und erst vor kurzem wurde der Schutz der Tiere sogar als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen: (…) Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung.

Eigentlich könnte man denken, dass damit alles in Ordnung ist: Die Menschen lieben Tiere, was man liebt, quält man nicht, und wenn man es doch tut, gibt’s von der Polizei eins auf den Deckel, weil quälen ja gesetzlich verboten ist.

Andererseits gibt es neben Miezmiez, Bonzo, Kroko, Flattermeier, Nemo und Co Millionen anderer Tiere, die weder geliebt noch vor Schmerzen geschützt werden: Die Tiere in der Massentierhaltung und den Pelztierfarmen, die Tiere in den Versuchslabors, die Tiere, die unter schrecklichsten Bedingungen durch Europa zum billigsten Schlachthof gekarrt werden.

Wo ist da der Schutz? Gelten die Gesetze nicht für Henne Nummer 56.999 oder Schwein Nummer 28.456? Oder die Maus, die giftige Chemikalien gespritzt bekommt, um zu sehen, wie sie reagiert? Oder den Fuchs, der tagelang hilflos in einer barbarischen Falle hängt? Um das zu klären, müssen wir ein bisschen tiefer einsteigen in das doch recht zwiespältige Verhältnis vom Menschen zum Tier und das recht eindeutige Verhältnis vom Menschen zum Geld.

Steile Karriere: Von der Zwischenmahlzeit für Säbelzahntiger zum Herrscher über die Welt

Seit die Menschheit vor einigen 100.000 Jahren in Afrika auftauchte und sich von da aus über die ganze Erde verbreitete, lebt sie – mal mehr, mal weniger, mal gar nicht harmonisch – mit Tieren zusammen. Die Menschen mussten sich ihren Lebensraum ja erst einmal erobern, denn er war besiedelt von Tieren, die sich ihre Nahrungsquellen nicht streitig machen lassen wollten.

Anfangs mögen die großen Raubtiere den merkwürdigen Zweibeiner als willkommene Zwischenmahlzeit angesehen haben. Schließlich gehörte er nicht zu den Schnellsten und wehren konnte er sich auch nicht besonders gut: Keine Krallen, keine Pranken, keine Hauer, keine Kraft.

Aber die Menschen organisierten ihr Zusammenleben immer besser und erfanden immer wirkungsvollere Werkzeuge und Waffen. Da wurden die Zwischenmahlzeiten für Säbelzahntieger und Co seltener – und die für Menschen häufiger. Und nach und nach herrschten sie über die ganze Erde.

Die Gestaltung der Lebensräume: Vom Nutzen und vom Unterwerfen

In den seltensten Fällen haben sich die Menschen bei ihren Eroberungszügen durch die Welt den Bedingungen angepasst, die sie vorgefunden haben. Überall, wo sie im Laufe der Jahrtausende auftauchten, gestalteten sie die Natur so um, dass sie für ihre Zwecke nutzbar wurde.

Das ist auch heute noch so: Wälder werden gerodet, um Platz zu schaffen für Felder und Siedlungen; Flüsse und Bäche werden gestaut und kanalisiert. Tiere werden nach Nützlichkeit sortiert, manche bejagt, andere als lästige Konkurrenten ausgerottet und wieder andere zu Nutztieren gezähmt und zurechtgezüchtet.

Aber auch schon vor tausenden Jahren gab es Haus- und Streicheltiere, genau wie heute haben Kinder Tiere einfach nur lieb gehabt. Sie mussten keinen besonderen Zweck erfüllen. Tierliebe ist keine Erfindung der Neuzeit. Sie zieht sich aber als Widerspruch durch die gesamte Geschichte des Verhältnisses zwischen Mensch und Tier.

Von Steppen in Europa und von Inuits, die kaum jemals Vegetarier werden können

Lebensräume zu gestalten ist ja nichts grundsätzlich Schlechtes. Und darüber, ob man Tiere töten und essen darf, gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Letzten Endes muss das aber jeder Einzelne für sich entscheiden.

Doch hat der Gestaltungsdrang der Menschen in den letzten 150 Jahren geradezu monströse Formen angenommen. Und ums Essen geht es bei dem, was den Tieren angetan wird, schon lange nur noch in zweiter Linie.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben Industrie und industrialisierte Landwirtschaft den größten Teil Europas in eine artenarme Steppe verwandelt: durch Straßen, Autobahnen, wuchernde Siedlungsgebiete, Industrielandschaften und endlose Felder mit den immergleichen Nutzpflanzen.

Das gilt aber nicht nur für Europa: Außer in der Antarktis, in einigen Wüsten und Sümpfen und in wenigen noch verbliebenen Urwaldgebieten gibt es kaum ein Fleckchen Erde, das nicht umgemodelt und nutzbar gemacht worden wäre – und dabei oft genug komplett zerstört wurde.

Natürlich waren und sind Menschen in schwierigen Regionen der Erde (zum Beispiel Berg- und Wüstenvölker, Inuits) allein schon durch die Notwendigkeit zur Vorratshaltung gezwungen, ihre Heimat entsprechend zu gestalten und Tiere zu töten. Kaum ein Inuit (Eskimo) könnte es sich leisten, Vegetarier zu werden. Zwar werden heutzutage Lebensmittel in die entferntesten Gebiete der Welt exportiert, aber die haben natürlich ihren Preis. Fisch, Robben- und Walfleisch als traditionelle Ernährung der Inuit befinden sich direkt vor der Haustür.

Von der Natur als Rohstofflager und vom Tier als Geschäft

Oft genug steckt aber hinter den brutalen Eingriffen in die Natur nicht die Notwendigkeit, das Überleben zu sichern oder der Wunsch nach Urbarmachung. Oft genug steckt die Haltung dahinter, die gesamte Natur als eine Ansammlung von Wirtschaftsgütern zu betrachten, die der Vermehrung von Reichtum zu dienen haben.

Wälder und Meere? Rohstofflager, die man ausbeuten darf. Tiere? Nützliche Nahrungslieferanten, billige Versuchsobjekte, industrielle Waren. Eine Ware hat keine Bedürfnisse zu haben. Und keine Schmerzen. Darauf Rücksicht zu nehmen, weil es sich um ein Lebewesen handelt, würde den Gewinn schmälern. Und das ist nicht im Sinne der Produzenten, die schließlich Geld damit verdienen wollen.

Aber an dieser Stelle schon mal eines vorweg: Es gibt in der Zwischenzeit immer mehr Menschen, die das nicht mehr mitmachen wollen. Sie weigern sich, diese Schinderei mit ihren Einkäufen auch noch zu finanzieren und steigen um: Wer Fleisch oder andere Tierprodukte essen will und dabei auf artgerechte Tierhaltung achtet, weiß zumindest, dass die Tiere ein gutes Leben hatten. Das bedeutet für die Biobauern zwar mehr Arbeit und sie brauchen wesentlich mehr Landfläche. Deswegen sind solche Produkte auch immer etwas teuerer. Aber für alle, die Tiere gern haben dürfte das kaum ein Hinderungsgrund sein. Man muss ja schließlich nicht so oft Fleisch essen.

Von arbeitslosen Eseln und von der Verwandlung des Nutztiers in ein Industrieprodukt

Nutztiere gibt es schon seit Jahrtausenden: Ochsen und Pferde haben den Karren gezogen, Hausesel – schon vor 6000 Jahren aus Wildeseln gezähmt – dienten als gutmütige, ausdauernde und genügsame Lasttiere. Katzen haben Mäuse gefangen und Hunde Einbrecher gebissen oder abenteuerlustige Schafe wieder eingefangen. Nach wie vor liefern Kühe die Milch, Ziegen den Käse, Hennen die Eier, Schweine das Schnitzel, Rinder das Leder, Schafe die Wolle für Pullover und so weiter.

Ochsen, Pferde und Esel werden aber bei uns als Arbeitstiere kaum noch gebraucht. Ihren Job machen Maschinen wesentlich effektiver. Auch Katzen und Hunde sind nur noch selten für ihre ursprünglichen Aufgaben im Amt. Sie haben es aber geschafft, sich als Familienmitglieder einen eigenen Stellenwert zu erobern.

Esel sind ein bisschen zu groß dafür. Sie haben durch den Arbeitsplatzverlust ein echtes Problem: viele Rassen sind vom Aussterben bedroht. Beispielsweise gibt es nur noch 300 Riesenesel auf der Welt. Fünf davon leben – wie auch zahlreiche andere bedrohte alte Haustierrassen – im Greenpeace-Projekt Tierpark Arche Warder.

Bestimmte robuste Pferderassen, wie beispielsweise Haflinger, haben eine neue Funktion gefunden: Haflinger-Stutenmilch gilt als gesundes Wellnessprodukt und lässt sich teuer verkaufen. Dadurch werden aber auch immer mehr Haflingerfohlen geboren – denn ohne Fohlen gibt’s keine Stutenmilch.

Als Streicheltiere auf Fohlenhöfen ziehen die kleinen Haflinger viele Touristen an. Aber auch Streicheltiere werden erwachsen. Und wenn sie nicht das Glück haben, von einem verantwortungsvollen Züchter an verantwortungsvolle Menschen verkauft zu werden, dann trifft auch sie nach einem kurzen Leben das Schicksal fast aller Tierwaren: Der Transport zu einem der europäischen Schlachthöfe.

Für Schweine, Rinder und Hühner hat sich die Situation in anderer Form dramatisch geändert. Sie sind nach wie vor Nutztiere, die auch früher schon nicht mit Samthandschuhen angefasst wurden. Aber ihr Leben wurde den industriellen Produktionsbedingungen unterworfen, ihre Haltung wurde zu einer Art von Industrie.

Im Boden picken, wichtig herumgackern und ein bisschen durch die Gegend flattern? Rechnet sich nicht. Braucht zu viel Platz. Rumhoppeln und so richtig schweinisch im Schlamm suhlen? Nix da! Herumstehen und fettwerden ist angesagt. Auf saftigen Wiesen wiederkäuen? Wozu denn? Es gibt ja Kraftfutter.

Je schneller die Tiere wachsen, je weniger Platz sie brauchen, je billiger die Haltung und das Futter, desto einträglicher das Geschäft. Und das verlangt, dass dabei auf die Tiere keine Rücksicht mehr genommen wird.