Frieden

Wir leben nicht in friedlichen Zeiten.

Im Jahre 2004 gab es auf der Erde 36 Kriege und kriegsähnliche Konflikte. Die meisten von ihnen fanden oder finden in den ärmeren Ländern der Welt statt: in Afrika, Asien und Südamerika. Aber auch Europa ist kein Hort des Friedens: Das zeigen die bewaffneten Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien oder in den Staaten, die sich von der früheren Sowjetunion unabhängig gemacht haben oder machen wollen.

Es gibt heutzutage keinen halbwegs vernünftigen Menschen mehr, der an Kriegen irgendetwas Gutes finden kann. Jeder Mensch weiß, dass im Krieg unzählige Menschen leiden müssen, getötet, verstümmelt, vergiftet werden. Trotzdem gibt es Kriege. Und sie fallen nicht vom Himmel wie ein Hagelschauer. Sie werden gemacht. Aber von wem und warum? Und: Wie friedlich ist eigentlich unser Frieden?

Kriegsquelle Böser Mensch?

Es gibt Leute, die behaupten allen Ernstes, Kriege seien so etwas wie ein Schicksal des Menschen: Der Mensch sei von Natur aus aggressiv, deshalb ließen sich Kriege kaum verhindern: Der angeborene Instinkt breche halt immer wieder durch.

Dass Kriege geführt werden, hat aber nichts mit einem Instinktverhalten zu tun. Sondern damit, dass ein Staat, bestimmte Interessengruppen in einem Staat oder auch Banden im Krieg das letzte Mittel sehen, mit dem ihre Interessen durchzusetzen sind.

Das ist so brutal wie banal. Dafür muss man die Psychologie nicht bemühen. Schließlich kommt auch kein niedersächsischer Bauer plötzlich auf die Idee, sein Gewehr zu schultern und nach Grönland zu marschieren, weil er dringend seine Aggressionen abbauen muss. Er haut vielleicht seinen Hund, wenn ihm eine Laus über die Leber gelaufen ist. Das ist zwar auch nicht nett, aber auch nicht der Beginn eines Krieges.

Vom Zusammenleben der Kulturen und davon, wie man es zerstören kann

Es gibt auch Leute, die sagen, dass sich die unterschiedlichen Religionen und Kulturen unversöhnlich gegenüberstünden. Und daraus würden sich zwangsläufig Kriege oder kriegerische Konflikte entwickeln.

Seltsamerweise lebten und leben aber überall auf der Welt Menschen unterschiedlichster Kulturen friedlich zusammen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ihrem Nachbarn jemals den Schädel einzuschlagen – egal, ob er hinter dem Gartenzaun oder hinter der Grenze wohnt. Kampf der Kulturen? Nie gehört …

Trotzdem haben es Machthaber immer wieder geschafft, solche Ideen in die Köpfe der Menschen zu pflanzen, wenn es ihren eigenen Interessen diente. Hass ist ein nützlicher Idiot des Krieges.

Aber Hass auf ein anderes Volk oder eine Völkergruppe entsteht nicht einfach so. Man muss ihn säen. Um die Menschen gegeneinander aufzuhetzen, werden seit Jahrhunderten religiöse, ethnische oder kulturelle Argumente aufgeboten. Und wenn der Hass erst einmal in der Welt ist, wird er schnell zum Selbstläufer. Dann meinen manche Leute tatsächlich, dass sie von Menschen bedroht werden, die an einen anderen Gott glauben, einen anderen Pass haben oder anders aussehen.

Besondere Munition erhält die abenteuerliche Behauptung von der Unversöhnlichkeit der Kulturen durch die aktuelle Debatte um den so genannten Krieg gegen den Terrorismus. Da wird immer häufiger Terrorismus in einem Atemzug mit Islamismus genannt – und stempelt damit Millionen friedlicher Moslems als mögliche Terroristen ab.

Kriege werden mit Waffen geführt. Waffen machen tot. Oder reich.

Alljährlich wird die unvorstellbare Summe von 900 Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben – davon knapp die Hälfte allein von den USA. Das sind in jeder Stunde 100 Millionen Dollar.

Allein schon diese Zahl macht deutlich, dass diese Waffenarsenale kaum nur der Sicherheit und der Verteidigung dienen.

Waffen sind Waren. Mit Waren wird Handel betrieben. Mit Waffengeschäften wird man reich.

Deshalb erlauben die Regierungen auch, dass Waffen in andere Länder exportiert werden. Zum einen wird der einzelne Panzer oder das Kriegsflugzeug etwas billiger, wenn man mehr davon herstellt. Und zum anderen schafft man sich Verbündete auf der ganzen Welt. Oft wird auch einfach behauptet, dass man Waffen herstellen muss, weil dadurch Arbeitsplätze gesichert würden – eine besonders absurde Sichtweise.

Verdient wird aber nicht nur bei Verbündeten. Es wird auch an Konflikten verdient, in denen sich bewaffnete Cliquen nur durch brutale Gewalt an der Macht halten können. Um solche Waffenlieferungen zu rechtfertigen, werden solche Banden dann auch schon mal als Freiheitskämpfer bezeichnet.

Um aber Missverständnissen vorzubeugen: Es gab und gibt in der Geschichte viele Befreiungskämpfe, die tatsächlich das Ziel hatten, gerechtere Strukturen in der Gesellschaft zu verankern, bewaffnete Konflikte also, in denen es nicht um Bereicherung und Macht ging. Trotzdem ist es aber immer sinnvoll, ganz genau hinzuschauen, wenn von Freiheit im Zusammenhang mit Kriegen oder bewaffneten Konflikten die Rede ist. Das Wort muss nämlich für vieles herhalten. Nicht jeder, der sich Freiheitskämpfer nennt, ist auch einer…

Dass die gelieferten Waffen zum Töten eingesetzt werden, ist auch den Exporteuren klar: Die 36 Kriege und kriegerischen Konflikte, die es im Jahre 2004 gab, wurden zum allergrößten Teil mit Waffen ausgetragen, die von den USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China und auch aus Deutschland geliefert wurden.

Wie vom Krieg gesprochen wird …

Es gibt viele Theorien darüber, wie Kriege entstehen können. Am Weitesten kommt man allerdings immer dann, wenn man die Frage stellt, welche Interessenslagen sich hinter einem Krieg oder einem bewaffneten Konflikt verbergen. Die erschließen sich aber nicht auf den ersten Blick.

Denn kein politischer Führer, der seiner Bevölkerung Kriegsbegeisterung einreden will, spricht von Absatzmärkten, Einfluss-Sphären, Machterhalt, Rohstoffen, Ölquellen oder Zugängen zum Meer. Er spricht nicht davon, dass es irgendwo etwas zu holen gibt. Er spricht immer von höheren Werten wie Freiheit, Demokratie, Einigkeit, Menschenwürde. Oder von einer Bedrohung des Weltfriedens durch diesen oder jenen Diktator, durch einen Schurkenstaat oder Terrorunterstützer. Manchmal auch davon, dass ein Volk dringend befreit werden muss. (Diese gute Absicht mag hier und da auch tatsächlich vorliegen, aber der Regelfall ist leider, dass hehre Ziele den Menschen vorgespiegelt werden, um handfeste Interessen durchzusetzen – siehe das Musterbeispiel Irakkrieg)

…und wie Krieg ist.

Wenn es dann tatsächlich zu einem Krieg kommt, ist es mit Menschenwürde und anderen grundlegenden Werten des menschlichen Zusammenlebens ziemlich schnell vorbei: Denn Krieg ist immer gleichbedeutend mit dem Einsatz roher, brutalster Gewalt, er ist immer gleichbedeutend mit Leiden – besonders derer, die schwach sind.

Krieg heißt: alle Formen zivilisierten Umgangs miteinander sind außer Kraft gesetzt, Gesetze haben ihre Gültigkeit verloren. Krieg ist die krasseste Form der Herrschaft des Stärkeren.

Die unmittelbaren Folgen eines Krieges werden im Allgemeinen nicht von denen getragen, die ihn verursachen, sondern in der Regel von der Zivilbevölkerung. Krieg heißt zumeist, dass eine Gruppe mächtiger Menschen sich zur Durchsetzung ihrer ureigensten Interessen anderer Leute bedient, die dafür leiden und sterben müssen.

Dass es bei jedem Krieg ans Leiden und Sterben geht, wissen auch die Politiker. Michael Moore hat in seinem Film über die Vorbereitungen zum Irakkrieg ein recht eindrucksvolles Beispiel gezeigt: Mit inbrünstigen und verlogenen Reden werden unsere Soldaten in den Krieg geschickt – die derart kriegsbegeisterten Politiker sträuben sich aber mächtig dagegen, dass auch die eigenen Söhne dabei sein müssen…

Eigentlich müsste es das Ziel aller Politik sein, den Einsatz von Gewalt zu vermindern: Wenn es überhaupt eine Rechtfertigung für den Einsatz von Gewalt gibt, dann nur zur Verhinderung von Gewalt.

Sind Demokratien friedlich?

Die meisten Leute sind davon überzeugt, dass Demokratien weit weniger kriegsgefährlich sind als Diktaturen. Es ist auch belegt, dass Demokratien untereinander praktisch nie Kriege führen. Das lässt den Schluss zu, dass offene Gewalt in heutigen Demokratien eine weit geringere Rolle spielt als bei anderen Regierungsformen.

Demokratische Staaten setzen ihre Interessen eher mit wirtschaftlichen Druckmitteln als mit physischer Gewalt durch. Wer daraus allerdings den Schluss zieht, dass die Welt friedlicher wäre, würde man ihr überall – notfalls auch mit Gewalt – die Demokratie wie eine Mütze überstülpen, vergisst etwas ganz Grundsätzliches: Gewalt ist das untauglichste Mittel, jemand anderen ausgerechnet davon zu überzeugen, auf Gewalt zu verzichten. Wer eine Bombe auf den Kopf bekommt, stirbt vermutlich mit dem Gedanken, dass er sich unter Demokratie, Freiheit und Menschenrechten doch etwas anderes vorgestellt hat.

Und wer die Chance hat, etwas genauer nachzudenken, merkt relativ schnell, dass Demokratie und Freiheit meistens nur vorgeschobene Ziele sind. Denn fast immer geht es einfach nur darum, bestimmte Länder für die eigenen Interessen verfügbar zu machen. Der Irakkrieg hat schmerzlich in Erinnerung gebracht, wie unfriedlich Demokratien ihre Interessen durchsetzen können, wenn sie es für nötig halten.

Mehr und mehr Kriege in der Neuzeit gingen von Demokratien aus – mal versehen mit dem Etikett der Humanitären Intervention, mal ganz offen als Weltordnungskriege mit dem erklärten Ziel, anderen unsere Werte gewaltsam nahezubringen.

Grund genug, sich diese Werte und Interessen einmal genauer anzusehen. Und da wird auch klar, warum die Demokratien untereinander relativ friedlich – besser: unkriegerisch – bleiben (müssen). Dabei geht es nicht nur um die USA.

Vom friedlichen Welthandel, der überhaupt nicht friedlich ist

Ein preußischer General mit Namen von Clausewitz hat vor rund 170 Jahren einen denkwürdigen Satz geschrieben: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Er war der Erste, der sich darüber Gedanken gemacht hat, dass in der Außenpolitik der Staaten ziemlich viel Unfriedliches steckt. Der friedliche Welthandel ist nämlich überhaupt nicht so harmonisch, wie er in Sozialkundebüchern dargestellt wird.

Denn in jedem Handelsvertrag, der zwischen Ländern abgeschlossen wird, spiegeln sich auch die Machtverhältnisse wider, sprich: wer ist der Stärkere und wer der Schwächere. Wer kann Macht, Einfluss und Reichtum in die Waagschale werfen und wer nicht. Wer ist wirtschaftlich so abhängig, dass er gezwungen ist, nachzugeben. Und: Wer muss im Welthandel mitspielen, obwohl er mit Sicherheit nichts zu gewinnen hat.

Die armen Länder der Erde: Schlechte Karten im Welthandel

Die schlechtesten Karten haben all die Länder, die es in den letzten 200 Jahren nicht geschafft haben, in die Liga der Industriestaaten aufzusteigen – vor allem die Länder der so genannten Dritten Welt.

Der Handel mit den reichen Ländern der Erde hat ihnen in den letzten zwei Jahrhunderten nichts weiter eingebracht, als immer größere Armut, immer größere Abhängigkeit und einen riesigen Schuldenberg. Denn der Weltmarkt wird von den reichen Industriestaaten beherrscht. Hier gelten ihre Regeln. Und die funktionieren so:

Da die meisten Industriestaaten keine eigenen Naturschätze oder Rohstoffe besitzen, kaufen sie sie aus anderen Ländern. Daraus oder damit stellen sie Waren her, die dann auf dem Weltmarkt verkauft werden können. Wer diese Waren braucht, muss sie aber mit harter Währung bezahlen, beispielsweise Dollar oder Euro. Wer kein hartes Geld hat, kriegt nichts. Und nun? Das eigene Geld gegen harte Währung eintauschen? Wird nicht akzeptiert.

Aber wie kommt man sonst an Dollar oder Euro? Indem man etwas an die Industrieländer verkauft, das die für ihre industrielle Produktion brauchen, zum Beispiel Tropenholz, Bodenschätze, Erdgas usw. Und jetzt raten wir mal, wer da die Preise bestimmt… Da die armen Länder mangels eigener Industrie ihre Naturschätze kaum selber verarbeiten können, Industrieprodukte aber brauchen, müssen sie sich notgedrungen bis zur Schmerzgrenze herunterhandeln lassen …

Billig einkaufen, billig produzieren – aber dann teuer verkaufen. Das sind die Grundlagen des Reichtums in vielen Industrieländern. Und – da sind sich alle Industrieländer einig – das soll auch so bleiben. Solange sich alle den Regeln unterwerfen, egal ob sie gewinnen oder verlieren, wird Politik gemacht, Unterhändler feilschen, Diplomaten führen Gespräche usw. Wenn ein Land da aber nicht mehr mitspielen will, weil es immer nur den Kürzeren zieht, oder glaubt, eigene Regeln aufstellen zu können, dann kann es sich ganz gewaltige Probleme einhandeln. Im schlimmsten Fall kommt es dann zur Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.

Die militärische Sicherung des Welthandels oder: Was Verteidigungsminister Struck und den König von Taka-Tuka-Land unterscheidet

Die reichen und mächtigen Länder der Erde, die mit der ganzen Welt Waren austauschen, haben deswegen auch in der ganzen Welt Interessen, die sie verteidigen müssen. Unter diese Interessen fällt zum Beispiel der Zugang zu billigen Rohstoffen, aber auch der Einfluss auf die jeweiligen Regierungen einer Weltregion, mit denen Verträge abgeschlossen werden sollen. Es kann um Verkehrswege gehen, die man für den Transport braucht und darum, Märkte zu öffnen oder zu schaffen und vieles andere mehr.

Bundesverteidigungsminister Struck hat sich deshalb auch nicht auf der Landkarte verguckt, als er sagte: Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt. Der Hindukusch liegt doch in Afghanistan und kein Mensch hat je gehört, dass die dortige Armee Deutschland angreifen will!

Aber darum geht es auch nicht. Minister Struck hat mit diesem Satz nur bekanntgegeben, wie weit die Interessen Deutschlands reichen. Die Aufgabe der Bundeswehr besteht demnach eben nicht (mehr) nur darin, Deutschland vor Angriffen zu schützen. Die Bundeswehr hat auch dafür zu sorgen, den freien Welthandel zu sichern und der deutschen Wirtschaft den ungehinderten Zugang zu den Märkten und den Rohstoffen in aller Welt (Punkt 8 der gültigen Verteidigungspolitischen Richtlinien vom 26. 11. 1992) zu ermöglichen. Und das funktioniert nur, wenn in bestimmten Ländern Ruhe herrscht oder die Länder zur Not befriedet werden.

Fragt sich nur, was passieren würde, wenn plötzlich der Herrscher von Taka-Tuka-Land (für alle Erwachsenen: das ist der königliche Papa von Pipi Langstrumpf) auf die Idee käme, seine sicherheits- und wirtschaftspolitischen Interessen auf die gleiche Art definieren zu wollen: Unsere Sicherheit wird auch am Bodensee verteidigt. Der König von Taka-Tuka-Land hätte noch nicht einmal die Zeit, die korrekte Aussprache des schwäbischen Wortes Spätzle zu lernen, da hätte man ihn schon in die Psychiatrie gesteckt. Wohl verrückt geworden, was? So etwas wagt doch keiner, der klein und abhängig ist!

Käme aber ein mächtiges Land, wie beispielsweise China, auf die Bodensee-Idee, dann gäbe es ein großes Problem auf der Welt. Ein sehr großes. Keine Sorge: China kommt nicht auf eine solche Idee. China weiß sehr wohl, was es sich leisten kann und was nicht. Denn bei einem solchen Konflikt hätte es nicht nur einen Haufen wild gewordener Schwaben am Hals und sämtliche westliche Industriestaaten, sondern auch die mächtigste Militärmacht der Welt, die USA. Schließlich hat die in Deutschland 150 Atomsprengköpfe gelagert.